Kickers-Chefcoach Ralf Santelli im Portrait

RALF SANTELLI IM PORTRAIT

Eigentlich hatte sich Ralf Santelli dem Nachwuchsleistungszentrum der Würzburger Kickers verschrieben. Seit zwei Jahren ist der gebürtige Schwabe Cheftrainer des Rothosen-Nachwuchs. Doch am Karfreitag – die Länderspielpause neigte sich dem Ende entgegen – war der DFB-Fußballlehrer plötzlich wieder mittendrin im Profi-Geschäft. Er folgte auf Bernhard Trares und gab in der Partie beim SV Sandhausen sein Debüt als FWK-Cheftrainer.

„Ich musste nicht lange überlegen, als mich Sebastian Schuppan anrief. Für mich war es selbstverständlich, ihn zu unterstützen und bei den Profis auszuhelfen“, erinnert sich der Santelli an den inhaltlich überraschenden Anruf des Vorstand Sports der Rothosen. Eigentlich habe er damit gerechnet, dass man über die weitere Verzahnung zwischen Lizenzspielerbereich und Leistungszentrum spreche. Doch dem war nicht so. Santelli, der kürzlich einen Vertrag für zwei weitere Jahre im Nachwuchsleistungszentrum unterzeichnet hat, betreut seither die Profi-Mannschaft: „Ich hatte von Beginn an das Gefühl, dass ich hier dazugehöre. Es ist schön, wenn ich meine Expertise einbringen kann.“

Mit halbvollem Glas in den Endspurt

Der 52-Jährige mit italienischen Wurzeln hat von seinem Anfangselan seither nichts verloren. Ganz im Gegenteil: „Mir macht es sehr viel Spaß mit der Mannschaft zu arbeiten. Die Jungs haben sich in den vergangenen Wochen nochmals entwickelt und sich gut präsentiert. Ich habe meine Überlegungen miteingebracht und habe den Eindruck, dass das Team sich wohlfühlt.“ Besonders auf Authentizität legt Santelli dabei wert. Er erwartet von sich, vornewegzugehen, Prinzipien wie Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit, die er einfordert, selbst vorzuleben. Auf und neben dem Platz spielen vor allem Disziplin, Neugierde und Teamfähigkeit eine essentielle Rolle.

Seine Prinzipien setzt die Mannschaft bisher wie erhofft um. Nur die Punktausbeute war bisher geringer als erhofft. Einzig das enttäuscht den DFB-Fußballlehrer. Dennoch: Für Santelli ist das Glas noch immer halbvoll und nicht halbleer: „Das ist meine Prägung, meine Herangehensweise. Solange es uns rechnerisch möglich ist, die Liga zu erhalten, glaube ich fest daran. Wenn wir unsere Stärken in den kommenden Wochen erfolgreich nutzen, haben wir die Chance, den Abstieg noch abzuwenden.“

Gemeinsam mit Ralf Rangnick in die Bundesliga

Und das ist keineswegs Zweckoptimismus. Denn Santelli hat in seiner bisherigen Laufbahn, bevor er nach Würzburg kam, viele Höhen und Tiefen erlebt und bereits sehr vieles gesehen. Bereits nach dem Abitur zog es Santelli weg von zu Hause. Zunächst ins nahegelegene Tübingen, wo er Sport studierte. Sein Fokus lag vor allem auf Kraft, Fitness, Athletik und Therapie. Nebenbei kickte er in der Oberliga beim VfR Sindelfingen. Dort lernte eher zufällig Ralf Rangnick kennen, der Santellis Weg nachhaltig prägte und eine neue Richtung gab, nämlich die in den Profi-Fußball. Erste Schritte ging der damals Endzwanziger, als ihn Rangnick zum Zweitliga-Aufsteiger SSV Ulm holte. Dort arbeitete Santelli drei Jahre unter Rangnick, Martin Andermatt und Hermann Gerland als Reha- und Torwarttrainer und war plötzlich mittendrin in der Bundesliga. Denn die Spatzen schafften zur Jahrtausendwende den Sprung ins Oberhaus.

Auch mit Hannover 96 gelang Santelli dieses Kunststück 2001/02, erneut unter Rangnick, ein zweites Mal. „Ich habe überall etwas mitgenommen, aber die Jahre in Ulm und Hannover waren sicher die prägendsten. Ich hatte drei sehr unterschiedliche Cheftrainer, die alle einen sehr guten Ruf in der Branche hatten und haben. Imponierend war, wie sie sich um das Training selbst und über dessen Aufbau Gedanken gemacht haben. Dass Standards trainiert wurden, dass Laktat- und Leistungsdiagnostik eine Rolle spielten. Die Ausbildung war vom Allerfeinsten“, schwärmt der Diplom-Sportlehrer noch heute in den höchsten Tönen. Gleichzeitig schloss Santelli sein Studium an der Sporthochschule in Köln ab und erwarb Anfang des Jahrhunderts auch seine A-Lizenz.

Zwischen Europameistertitel und Klassenerhalt

Wahrscheinlich wäre sein Weg in der Bundesliga weitergegangen, doch ein Achillessehnenriss, den er sich in der Freizeit beim Volleyball spielen zuzog, stoppte diesen jäh. „Bis heute kann sich keiner erklären, wie es zu dieser Verletzung gekommen ist. Ich hatte nie Probleme“, sagt Santelli, der plötzlich sein eigener Patient war. Was folgte, war ein Jahr der Rehabilitation und ohne Job.

Während damit eine Tür unerwartet zuging, öffneten sich für Santelli aber andere, nämlich die des württembergischen Verbands und die des Heimatvereins. Er sammelte erste Erfahrungen als Ausbilder des Torwartspiels auf A-Lizenzlehrgängen – unter anderem gehörten Markus Babbel und Alexander Zorniger zu seinen Schülern. Auch gehörte er 2008 zum Trainerstab der U17-Frauen-Nationalmannschaft mit Alexandra Popp und Dzsenifer Marozsán, die sich zum Europameister krönte. „In dieser Zeit habe ich meine Affinität zum Ausbilden und Referieren entdeckt“, erinnert sich der 52-Jährige.

Zeitgleich arbeitete Santelli seit Sommer 2007 für zwei Jahre beim damaligen Regionalligisten SV Wacker Burghausen. Mit ihm als Torwart- und Co-Trainer gelang die Qualifikation für die neu eingeführte 3. Liga und im Jahr darauf – Santelli wurde nach Günter Güttlers Entlassung zum Cheftrainer befördert – der Klassenerhalt. „Wir hatten sieben Spieltage vor Schluss als Letzter fünf Punkte Rückstand auf den rettenden 18. Platz. Vor der letzten Partie fehlte uns ein Sieg, der uns trotz Pausenrückstand gegen den VfB Stuttgart II gelang“, blickt Santelli zurück. Geblieben ist er an der Salzach dennoch nicht. Stattdessen arbeitete er in der darauffolgenden Spielzeit als Scout beim VfB Stuttgart und absolvierte zeitgleich die Ausbildung zum Fußballlehrer, für die er unter anderem beim damaligen Nürnberg-Coach Dieter Hecking hospitierte.

Es folgten weitere Stationen als Co-Trainer bei Arminia Bielefeld (unter Christian Ziege und Ewald Lienen) und Carl Zeiss Jena (unter Heiko Weber). „Ich hatte in sechs Jahren sechs Vereine, bin ständig umgezogen. Aber das wollte ich nicht mehr und bin nach Bruckmühl gezogen“, erklärt Santelli. Statt dem Profi-Fußball widmete sich der Fußballlehrer nun der Jugend und dem Amateurfußball. Auf zwei Jahre als Leiter des Rosenheimer BFV-NLZs folgten zwei Spielzeiten in der Salzburger Red Bull-Nachwuchsakademie und zwei Saisons als Trainer der U15 seines Heimatvereins SV Bruckmühl. Zudem betreute er rund zwei Jahre den Kreisligisten SV Hohenlinden und machte sich als Fußballcoach selbstständig. Er trackte Spiele, gab Trainingsempfehlungen, bildete Trainer aus und gab nationale und internationale Fortbildungen, unter anderem auch in Ungarn.

Offen und vertrauensvoll: Die Chemie passt

„Das hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht. Ich war ständig unterwegs. Bei fast all meinen Stationen im Profibereich war ich Bindeglied zwischen Profis und Nachwuchs. Die Arbeit mit Jugendlichen passt einfach zu mir“, findet Santelli. So landete der Schwabe letztlich auch im Leistungszentrum der Würzburger Kickers. Nach der Abmeldung der U23 und Rainer Zietschs Wechsel als Co-Trainer zu den Profis wurde bei den „kleinen Rothosen“ die Cheftrainerstelle frei und beide Seiten fanden zueinander. Santelli spricht von „sehr guten Gesprächen“ mit Jochen Seuling und Daniel Sauer, die zu einer schnellen Vertragsunterschrift führten. Die Chemie hat gepasst. Santelli fühlte sich von Beginn an sehr wohl. Und auch die Aufgabe reizte ihn: „Der Grundstein wurde in den Vorjahren gelegt, das NLZ hatte sich sehr gut entwickelt. Doch wir müssen jährlich bestehen, um die Zertifizierung immer wieder zu erhalten. Das hat mich motiviert. Denn ich habe gesehen, dass ich meine Stärken einbringen kann.“

Seither kümmert sich der DFB-Fußballlehrer, zusammen mit Jochen Seuling, um die Trainings- und Belastungssteuerung der jungen Fußballer, konzeptioniert Ausbildungsstrategien, implementiert eine Spielphilosophie, nach der die NLZ-Teams spielen sollen. Zudem hat sich das NLZ-Team vergrößert. Hinzugekommen sind Felix Deubert, Ex-Kickers-Kapitän Sebastian Neumann und Martin Leiner, die sich ebenfalls um die Belange der „kleinen Rothosen“ kümmern. „Wir haben uns, auch wenn nicht so schnell wie erhofft, trotz der schwierigen Zeit mit Corona weiterentwickelt. Unsere Zusammenarbeit ist sehr offen und vertrauensvoll“, so Santelli, der vor allem aktuell auf sein Team zählen kann. Das hält ihm nämlich aktuell den Rücken frei, damit er sich auf seine Mission bei den Profis konzentrieren kann, um dann im Juni mit neuen, eigentlich nicht mehr für möglich gehaltenen Erfahrungen zurückzukehren: „Ich fühle mich im Jugendbereich sauwohl. Und ich habe vor, dort noch weitere zwei Jahre in Würzburg etwas aufzubauen.“